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Der Riestedter Marien - Altar

                                 Dr. Reimer Egge

 

Zu den schönsten Schnitzwerken des ausgehenden Mittelalters unter den erhaltenen Denkmälern in unserer Heimat gehört der Marienaltar in Riestedt. So lautet das Urteil des Kunsterziehers und Kulturdezernenten Paul Schäffer in seinem Buch „ Schnitzaltäre des späten Mittelalters im Kreis Uelzen.“

 

marien Altar offen

 

Der Altar kam im  Zuge der Renovierungsarbeiten an der Kapelle 1862 zunächst in das Welfenmuseum in Hannover. 1955 erwarb ihn das Niedersächsische Landesmuseum.

 

Heutzutage kämen die Menschen von weit her, diesen kunsthistorisch wertvollen Altar zu bewundern und anzusehen. Die Dorfbewohner der früheren Jahrhunderte, an harte Arbeit auf dem Feld und  in den Wirtschaftsgebäuden gewohnt, hatten ihn täglich vor Augen – während Andachten  und der Gottesdienste an den Sonn- und christlichen Festtagen. Sein Bildprogramm erzählte ihnen viel über  die Ereignisse und Geschichte früherer Jahrhunderte. Es bedeutete ihnen Bildung und Erbauung im christlichen Sinne zugleich.

 

Das Marienretabel ist ein  Altaraufsatz, der sich zusammensetzt aus einer feststehenden Mitteltafel, die auf der Predella ruht, und einem beweglichen Flügelpaar. Diese Wandelbarkeit ermöglicht zwei Ansichten. Bei geschlossenem Zustand werden für den Betrachter Malereien in Mischtechnik sichtbar, in geöffneten Zustand bieten sich Schnitzereien aus Eichenholz dem Auge dar.

 

Die Predella hat  in der Mitte einen vergitterten, rückseitig zu öffnenden Raum, welcher der Aufbewahrung einer Reliquie, aber auch der Hostie nach der Verwandlung in den Leib Christi dient. Flankiert wird dieser geweihte Kastenraum ganz links von Gregor dem Grossen  im Papstgewand mit der Tiara und einem Kreuzstab in der Linken. Neben ihm  steht Hieronymus als Kardinal mit aufgeschlagenem Buch in der Hand und dem Löwen, der sein Begleiter war in der Wüste, in die er sich als Einsiedler zurückgezogen hatte. Auf der rechten Seite schließen sich Augustinus und Ambrosius  als Bischöfe in pontifikalen Messgewändern  mit dem Krummstab an. Diese vier lateinischen Kirchenväter haben als erwiesene Männer der Gelehrsamkeit und Rechtsgläubigkeit eine zentrale Bedeutung für die Heilsgeschichte der Kirche.

 

Im  geschlossenen Zustand des Flügelaltars erblickt  der Betrachter auf dem linken Flügel die Darstellung des Christophorus in einem  faltenreichen Umhang. Er ist der „ Christusträger,“ der  den  Herrn als Kind auf der Schulter sicher durch den Fluss an das Ufer trägt. Er steht - wie es in den Darstellungen jener Zeit immer wieder zu sehen ist – bis zu den Knöcheln im Wasser.

 

linker und rechter Flügel von aussen sichtbar

 

Auf dem rechten Flügel ist Hiob im Elend dargestellt. Er sitzt mit gesenktem Kopf in steiniger Wüste. Zu seiner Rechten steht ihm seine Frau zur Seite, die fürsorglich ihre Hand auf seinen Arm gelegt hat. Das Unglück kann jeden treffen. Zwei Spielleute suchen den Geprüften aufzuheitern, der ihnen zum Dank eine Münze gibt. Hiob ist kein Bedürftiger, der von der milden Gabe Barmherziger lebt und hat sich auch noch im Unglück als wahrer Christenmensch gezeigt. Das ganze Geschehen ereignet sich vor einer  deutschen Stadtansicht im Hintergrund. Damit ist es aus einer weiten und unbekannten Weltengegend in eine vertraute, alltägliche Umgebung verlegt und geht dem Betrachter nahe. Er kann sich mit dem Duldner Hiob identifizieren, der im Alten Testament auf den Schmerzensmann Christus hinweist. Die Darstellung wird damit zur Identifikation der Menschen mit dem Leiden Christi.

 

Werden die Seitenflügel geöffnet, erscheinen auf den Innenflügeln und der Mitteltafel unter baldachinartigem Gesprenge des Schnitzwerks Standfiguren mit farbiger Fassung. Sie stehen vor einem goldgepressten Hintergrund, der Prägemuster aus Eichenzweigen mit Blättern und Eicheln aufweist.

Die Flügel sind in jeweils  zwei über einander geordnete Fächer (Register) geteilt. In den oberen stehen männliche, in den unteren weibliche Figuren.

 

Im linken Flügel sitzt oben links zu Pferde über dem Drachen  der heilige Georg dessen Schwert in der Rechten nicht mehr erhalten ist.   Rechts steht der heilige Antonius Ermita mit den Attributen eines Schweines zu seinen Füßen. In der Hand hält  er als Zeichen seiner Frömmigkeit ein Buch. Antonius war der Patron und Helfer der Armen, denen das frei weidende Schwein der Gemeinde zugute kam.

 

In der unteren Reihe steht die heilige  Elisabeth von Thüringen, die in der Hand eine ansatzweise erhaltene Schale hält. Sie ist die eigentliche Nothelferin der Armen. Neben ihr erscheint vor einem Turm, der in einer fensterartigen Vertiefung einen Kelch und eine Hostie aufweist, die heilige Barbara. Sie hält ein Buch in der Hand. Barbara ist die Schutzpatronin der Sterbenden. Ihr heidnischer Vater ließ sie ihrer Schönheit wegen in einem Turm einkerkern, aus dem sie floh und sich verbarg, aber entdeckt wurde und nach erlittenen Marterungen im Kerker von ihrem Vater enthauptet wurde. Vor ihrem Tod erlangte sie die Gewissheit, dass keiner, der sie anruft, ohne Sakramentsempfang sterben muss.

 

Im linken  oberen Fach des rechten Flügels steht ein nicht näher zu identifizierender Papst mit einem offenen Buch. Neben ihm windet sich in Schmerzen, verursacht durch die Pfeile, der heilige Sebastian, der an einen Baum gefesselt ist. Er predigte das Christentum und bekehrte auch einflussreiche Frauen und Männer aus den Reihen der römischen Aristokratie. Aus diesem Grund wurde er als  lebendige Zielscheibe für Pfeile zum Märtyrertod verurteilt. Die Pfeile trafen, doch weil er überlebte, wurde er anschließend  durch Keulenschläge  getötet. Sebastian ist der Nothelfer gegen  die Pest. Zu seiner linken steht ein Bischof, der sich ihm in einer Redegeste mit erhobener Hand zuwendet.

 

Im unteren Fach steht die heilige Ursula, welche als Anführerin aller Märtyrerinnen gilt. Nach der Romfahrt kehrte sie zu Schiff nach Köln zurück, wo sie zusammen mit dem Papst Cyriakus und den 11 000 Jungfrauen den Märtyrertod erlitt. Neben ihr steht die  Sünderin Maria Magdalena mit dem Salbengefäß in der Hand. Sie salbte dem Herrn in Galiläa die Füße, bei dessen Tod und Begräbnis sie anwesend war, ihn auferstanden sah und es den Jüngern verkündete.

 

Im Mittelschrein reihen sich drei weibliche Plastiken auf Podesten. Sie bieten sich dem Blick in gelassener Haltung dar, und doch erzählen sie die Geschichte der Passion. In der dargestellten Ruhe liegt die Spannung vor der Zukunft. In der Mitte  steht die bekrönte Maria als Himmelskönigin auf der Mondsicher mit dem Christuskind auf dem Arm, das mit einem Gefäß in seinen Händen spielt. Links steht das Andachtsbild der Anna Selbdritt, einer Gruppe, die aus der Mutter der Jungfrau Maria selbst besteht, die auf dem linken Arm die mädchenhafte Maria trägt, auf dem rechten das Jesuskind, ihren Enkel. Die kleine Maria hält in der Hand ein aufgeschlagenes Buch. Mit  dem Finger zeigt sie auf eine Textzeile in der Heiligen Schrift und nimmt so das Heilsgeschehen mit der Kreuzigung vor weg. Das Jesuskind hält in der rechten Hand eine Kugel, welche die Welt symbolisiert und damit auf den künftigen Herrn und Weltrichter Jesus Christus hinweist.

 Zur rechten Seite steht die heilige Katharina, die sich zum christlichen Glauben bekannte und ihrer Standhaftigkeit wegen gerädert werden sollte. Das Marterwerkzeug zerbrach, so dass sie zweifach gemartert enthauptet wurde. In der Linken hielt sie das  Schwert, von dem der Knauf erhalten ist. Der Ring an den Fingern der rechten Hand ist nicht erhalten. Er weist als solcher auf die mystische Vermählung der Katharina mit Christus hin.

 

Das Bildprogramm  des Altars in der Kapelle in Riestedt zeigt die  wegen ihres vorbildlichen christlichen Lebenswandels gemarterten Heiligen, die auf diese Weise mit dem Sohn Gottes in Verbindung gebracht werden. Eine wörtliche Parallele bildet der nackte gemarterte Leib des heiligen Sebastian, dessen realistisch dargestellte Schmerzen an den Tod des Gekreuzigten erinnern. Im  bildlichen wie  im gedanklichen Zentrum steht Christus, auf den sich alles konzentriert: Im Mittelpunkt steht die Jungfrau Maria mit dem Christuskind auf dem Arm und wie der Christusträger Christophorus weisen die beiden Frauen Anna Selbstdritt und Katharina zu ihrer Seite auf den Gottessohn hin.

 

Die Datierung und Zuschreibung der Marienretabel an einen bestimmten Meister und seine Werkstatt ist wie bei zahlreichen anderen Beispielen nicht möglich und insofern nichts Ungewöhnliches. Aufgrund der Formensprache kann aber seine Entstehungszeit um 1520 angesetzt und dem Lübecker Kunstkreis um den Maler und Bildhauer Peter Dreyer zugewiesen werden, der um 1480 geboren wurde und um 1555 starb. Er war in Lüneburg tätig, später in Lübeck, wo er seine eigene Werkstatt führte. Vorgebildet war er wohl  im süddeutschen Raum, denn  seine  Werke vereinen nord- und  süddeutsche Elemente.


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